Lange Zeit wurde moniert, dass die deutschen Internetnutzer deutlich unpolitischer seien als die amerikanischen. Immer wurde den Leuten nur vor den Kopf geschaut, weit weniger wurde einbezogen, wie die politische Lage denn so ist. Und als Anwort auf diese vermeintliche Unpolitisiertheit von Bloggern, Chattern und Internetseitenbetreibern wurde dargelegt, dass Medien und Politik halt in deutschland so gut kritisch miteinander umgingen, dass man politische Blogger beispielsweise in keinem großeren Umfange braucht.
Pustekuchen, mag man heute denken. Wer sich heute anschaut, wie sich manche Politiker argumentativ gegenüber Personen der vermeintlich ausgemachten Internetcommunity aus dem Fenster lehnen, der sieht einen sehr guten Effekt, denn diese angebliche Community schon erreicht.
Heite hat sich der Grüne Matthias Güldner seine politische Blöße gegeben. Er mischt sich in die Debatte um Internetzensur ein, verhandelt aber dabei weit mehr als nur das Thema Internetzensur: Er versucht, dieser Internetcommunity einen reinzuwürgen.
Diese Community ist überhaupt nur eine Scheinwelt, bevölkert von Leuten, die viel zu lange vor dem Computer aufhalten, worunter ihr Urteilsvermögen in der Realität deutlich Schaden nimmt. Daher seien Online-Petitionen, die nur per Mausklick ausführbar sind, nicht ernst zu nehmen:
Wer sich in ihre Scheinwelt einmischen will, wird mit Massenpetitionen per Mausklick weggebissen.
Sehr aggressiv wird hier dem vermeintlich Bösen unglaubliche Aggressivität angelastet. Aber es geht weiter:
Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszugehen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert.
Man sieht hier ganz leicht, die ganze möchtegernpolitische Haltung von Matthias Güldnern basiert auf der Annahme, dass es diese zwei Welten gibt: Die Scheinwelt, die mit Computern zu tun hat und die Realwelt. Abgesehen davon würde ich sagen, dass Gewalt, wenn denn, dann nur in der realen Welt Opfer fordert. Wobei diese Stelle von Güldner aber auch nicht im Ansatz verständlich ist.
Nachdem sich Matthias Güldner derart ausgekotzt hat, womit ich ein nicht durch Argumente fundiertes Rumpöblen meine, versucht er allerdings auch noch mit so etwas wie einer Argumentation:
Da ist zum Beispiel das Argument, die Sperren könnten umgangen werden. Da haben sich einige wohl das Hirn herausgetwittert. Genauso gut könnte die Tatsache, dass Morde begangen werden, obwohl sie verboten sind, als Argument gegen den Mordparagraphen im Strafgesetzbuch angeführt werden.
Nein, das stimmt nicht. Nur wenn jemand irgendein Beispiel heranzieht, widerlegt das nicht eine behauptete Gegensituation. Hier haben wir einerseits die strafrechtliche Bestimmung, dass Mord ein Straftatbestand ist. Darum geht es überhaupt nicht, da dass Aufrufen einer kinderpornografischen Seite an sich eben auch schon ein anerkannter Straftatbestand ist. Die Kritik, dass die Sperren leicht umgangen werden können, bezieht sich nur auf die komplette Untauglichkeit des Vorhabens der Bundesregierung. Vielleicht hätte sich Herr Güldner diese Sachkritik mal intensiver reintwittern sollen.
Warum nicht, wie in anderen Politikfeldern auch, Baustein um Baustein zusammenfügen, um eine größtmögliche Wirkung zu erzielen? Die Antwort bleibt die Community schuldig.
Die Antwort ist ganz einfach: Bei der Internetzensur handelt es sich nicht im Ansatz um einen Baustein. Im Gegenteil.
Aber wer nur seine grundlegend negativierten Vorstellungen aus dem Bereich der Hobbypsychologie zum Maßstab nimmt, wird auf eine gemeinsam akzeptierbare Gesprächsbasis nicht kommen. So verwechselt man dann auch leicht eine angeblich unerträgliche Leichtigkeit des Internets mit seinen eigenen Vorverurteilungen.
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s.a.: Julia Seeliger – Herr Güldner aus Bremen
Netzpolitik.org: Politiker des Tages: Matthias Güldner








